Zwischen Herkunft und Zukunft:

Siebenbürgisch-sächsische Heimatortsgemeinschaften stellen die Weichen für morgen

Fachtagung in Bad Kissingen widmete sich dem Wandel der Identität, der Bewahrung des Kulturerbes und der Zukunft der HOG-Arbeit

Was bleibt von der Heimat, wenn die vertrauten Orte in der Ferne liegen, wenn Kirchenburgen und Friedhöfe an vergangene Generationen erinnern und immer weniger Menschen die alte Heimat aus eigener Erfahrung kennen? Und wie lässt sich das weitergeben, was über Jahrhunderte gewachsen ist und bis heute Identität stiftet? Mit diesen Fragen beschäftigten sich 134 Vertreter der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft bei der Fachtagung des Verbandes der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften e. V. vom 23. bis 25. Oktober 2026 in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen. Unter dem Motto „Zwischen Herkunft und Zukunft – Identität im Wandel der Zeiten“ ging es nicht nur um den Erhalt des kulturellen Erbes, sondern auch um die Frage, wie Heimat in Zukunft gelebt und weitergegeben werden kann.
Veranstaltet wurde die Tagung von der Akademie Mitteleuropa e. V. in Zusammenarbeit mit dem HOG-Verband. Gefördert wurde sie vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales über das Haus des Deutschen Ostens in München.
Nach der Begrüßung durch Studienleiter Gustav Binder und den HOG-Vorsitzenden Thomas Schneider eröffnete Dr. Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen, den Karpatenraum, Bessarabien und die Dobrudscha, die Tagung mit ihrem Vortrag über die Rolle der Heimatortsgemeinschaften im Spannungsfeld zwischen Tradition, Ehrenamt und kultureller Zukunft. Dabei wurde deutlich: Kulturerbe lebt nicht allein in alten Mauern, historischen Dokumenten oder überlieferten Bräuchen. Es lebt vor allem durch Menschen, die sich erinnern, Verantwortung übernehmen und ihre Begeisterung an andere weitergeben. Die Herausforderung besteht darin, auch jüngere Generationen für dieses gemeinsame Erbe zu gewinnen und ihnen Raum zu geben, es mit eigenen Ideen weiterzuentwickeln.
Wie wichtig der Austausch zwischen den Generationen ist, zeigte auch der Bericht von Winfried Ziegler, Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen, über das 36. Sachsentreffen in Schönau am 19. und 20. September. Unter dem Motto „Jugend bewegt Siebenbürgen“ stand die junge Generation im Mittelpunkt. Denn nur wenn Jung und Alt miteinander ins Gespräch kommen und über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten, kann aus der Erinnerung an die Herkunft eine gemeinsame Zukunft entstehen.
Am Samstag richtete Dr. Carmen Schuster, Landeskirchenkuratorin der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, den Blick auf die Zusammenarbeit zwischen Kirche und HOGs. Unter dem Titel „Kirche und HOGs – Gemeinsam Verantwortung für das siebenbürgisch-sächsische Kulturerbe übernehmen“ ging es um den Erhalt von Kirchenburgen, Kirchen und Friedhöfen. Diese Orte sind weit mehr als steinerne Zeugnisse der Vergangenheit. Sie erzählen von Glauben, Gemeinschaft, Lebensgeschichten und den Menschen, die dort über Generationen hinweg ihre Heimat gefunden haben. Ihre Bewahrung ist deshalb nicht nur eine bauliche Aufgabe, sondern auch ein Auftrag, die Erinnerung an diese Menschen lebendig zu halten. Dafür braucht es verlässliche Partnerschaften, langfristige Planung und den gemeinsamen Willen, Verantwortung zu übernehmen.
Wie wichtig dabei eine gute Vorbereitung ist, verdeutlichte Ute Hubbes vom Förderverein Heldsdorf e. V. in ihrem Vortrag über Recht, Haftung und Sicherheit bei HOG-Arbeitseinsätzen in Siebenbürgen. Ehrenamtliches Engagement lebt von Herzblut und persönlichem Einsatz, braucht aber ebenso klare Zuständigkeiten, rechtliche Sicherheit und eine gute Zusammenarbeit mit den örtlichen Partnern.
Ein lebendiges Bild dieser vielfältigen Arbeit vermittelte das Forum der Heimatortsgemeinschaften. Hier wurde sichtbar, wie viel persönliches Engagement hinter der Bewahrung siebenbürgisch-sächsischer Geschichte steckt: HOGs dokumentieren Ortsgeschichte, veröffentlichen Heimatbücher, pflegen Friedhöfe und Kirchen, organisieren Begegnungen und gestalten kulturelle Veranstaltungen. Hinter vielen dieser Initiativen stehen Menschen, die Zeit und Kraft investieren, weil ihnen ihre Herkunft am Herzen liegt. Sie halten Erinnerungen wach, bewahren Verbindungen über Generationen hinweg und schaffen Begegnungen, durch die Heimat auch in der Ferne erfahrbar bleibt. Zugleich bot das Forum Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen, neue Kontakte zu knüpfen und gemeinsame Projekte anzustoßen.
Doch Erinnerung allein genügt nicht, wenn die Gemeinschaft auch morgen bestehen soll. Wie die HOG-Arbeit zukunftsfähig gestaltet werden kann, zeigten Johannes Guist und Daniel Hiesch von der HOG Großscheuern/Ingolstadt e. V. mit ihrem Beitrag „HOG 2035 – Gemeinsam Zukunft gestalten“. Sie stellten die Ergebnisse eines Jugendworkshops vor und machten deutlich, wie wichtig es ist, junge Menschen frühzeitig einzubeziehen, ihre Ideen ernst zu nehmen und ihnen Verantwortung zu übertragen. Die Zukunft der HOGs darf nicht erst dann zum Thema werden, wenn Nachwuchs fehlt. Sie beginnt dort, wo Menschen einander zuhören, Vertrauen schaffen und gemeinsam neue Wege wagen.
Georg Lederer von der HOG Hahnbach e. V. ergänzte diese Perspektive mit seinem Vortrag „Kompetenzen vernetzen – Gemeinsam mehr erreichen“. Wenn Wissen, Erfahrungen und Fähigkeiten gebündelt werden, können neue Kräfte entstehen. Zusammenarbeit hilft nicht nur, Aufgaben besser zu bewältigen, sondern stärkt auch das Gefühl, mit Herausforderungen nicht allein zu sein.
In zwei aufeinander aufbauenden Workshop-Phasen waren anschließend die Teilnehmenden selbst gefragt. Gemeinsam gingen sie den Werten und Erfahrungen nach, die ihre Gemeinschaft prägen, und setzten sich mit den Herausforderungen der Gegenwart auseinander. Unter den Leitfragen „Zwischen Herkunft und Gegenwart – Handlungsfelder identifizieren“ und „Von der Gegenwart in die Zukunft – Handlungsmöglichkeiten entwickeln“ wurde darüber diskutiert, was unbedingt bewahrt werden soll, wo Veränderungen notwendig sind und welche neuen Wege sich eröffnen. Dabei ging es nicht nur um Ideen, sondern auch um konkrete Schritte, Verantwortlichkeiten und die Bereitschaft, die Zukunft gemeinsam in die Hand zu nehmen.
Der Sonntag stand im Zeichen der Zusammenführung dieser Gedanken. Nach der Morgenandacht mit Martin von Hochmeister wurden im Zukunftsforum Erfahrungen gebündelt, Perspektiven entwickelt und mögliche Schwerpunkte für die künftige HOG-Arbeit erörtert. Die Tagung endete am Sonntagmittag mit einem Schlusswort und einem Ausblick.
Drei Tage in Bad Kissingen machten deutlich, wie eng Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden sind. Die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft lebt von ihren Erinnerungen, ihren Traditionen und ihren historischen Orten – vor allem aber von den Menschen, die sich mit ihr verbunden fühlen. Der Erhalt des Kulturerbes, die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, die Vernetzung von Kompetenzen und die Einbindung junger Menschen sind dabei keine voneinander getrennten Aufgaben. Sie gehören zusammen und bilden die Grundlage dafür, dass aus einer gemeinsamen Herkunft auch künftig eine lebendige Gemeinschaft wachsen kann.
Ingeborg Binder

Foto: Jürgen Schnabel
Foto: Jürgen Schnabel Teilnehmer der Fachtagung vom 23. - 25.10.2026 in Bad Kissingen